Martina Wurzel

Blickwechsel auf dem Hartmannshof 02. – 04.05.2017

Zunächst möchte ich mich noch einmal herzlich für die Möglichkeit der Teilnahme am "Blickwechsel" bedanken. Dadurch hatte ich die Möglichkeit zu erfahren, wie ich selber mit unbekannten, nicht planbaren Situationen umgehe. Ich hatte mir vorgenommen "zuzuhören" und intensiv alles bei den Mitarbeitern vor Ort zu hinterfragen. Diese Möglichkeit haben mir alle Mitarbeiter auf dem Hartmannshof gegeben. Ein besonderer Dank geht hier an Frau Corinna Bartels. Sie hat mich in den 3 Tagen begleitet und mir in alle Bereiche Einblicke ermöglicht.

Was habe ich in den 3 Tagen erleben dürfen? Welche Gefühle haben die Situationen ausgelöst? Das möchte ich Ihnen kurz in einer Zusammenfassung schildern.  

1.Tag

v.l. Corinna Bartels und Martina Wurzel

Am ersten Tag durfte ich gemeinsam mit Corinna Bartels einen Rundgang über den Hartmannshof erleben. Wir haben sofort Kontakt zu einigen Bewohnern gehabt, die gleich neugierig waren über den Besuch. Über 20 Bewohner leben und arbeiten zum Teil hier. Neben dem Wohnbereich gibt es das Hofcafe, einen Mitmach- und Erlebnisgarten und auch einen landwirtschaftlichen Betrieb.  
Frau Bartels ist mit voller Begeisterung bei ihrem Job. Es gibt keinen "Standardtag". Die Grundvoraussetzung hier: sehr flexibel und spontan sein. Das Engagement der Mitarbeiter geht weit über die klassischen Arbeitszeiten hinaus. Erste Priorität haben die Menschen, die hier leben! Es ist ein Job, bei dem man mit Leib und Seele dabei sein muss und das habe ich an jedem Tag spüren können. Es gibt bereits Umbaupläne um den Hartmannshof immer weiter zu entwickeln und die Möglichkeiten und die Attraktivität zu steigern.
 
Am Vormittag wurde ich dann in den normalen Arbeitsalltag einbezogen. Zusammen mit einigen Bewohner durfte ich Porreepflanzen in den vorher bearbeiteten Boden setzen. Die Anleitung dazu gibt Christoph, der eigentlich gelernter Obst- und Gemüsebauer ist. Er sagte mir dabei, dass ihm die Menschen die hier leben und arbeiten so viel zurückgeben, dass es für ihn ein Traumjob ist.
 
Ein Bewohner, Andreas, ist sozusagen der Hühnerbeauftragte. Keiner hat hier diesen intensiven Einblick. Er trägt die Hauptverantwortung für die Hühner, das Einsammeln der Eier, das Säubern, Verpacken und Ausliefern. Alle meine Fragen hat er mir voller Begeisterung beantwortet. Ich hätte nicht gewusst, warum die Hühner Musik hören. Es dient dazu, Füchse und Greifvögel abzuschrecken. Die gesammelten Eier, an diesem Tag waren es gute 120 Stück, wurden dann zum Verkauf in den Hofladen und zum Bioladen nach Rotenburg gebracht. Auch das übernimmt Andreas mit dem Fahrrad - bei Wind und Wetter.  
Sehr interessant aber auch bewegend war die Teamsitzung am Nachmittag. Hier konnte man merken, wie wichtig der regelmäßige und intensive Austausch über die Bewohner ist. Die Mitarbeiter treffen Entscheidungen, ob ein neuer Bewohner einziehen kann, nach gemeinsamer Diskussion. Alle müssen und sollen die Entscheidung mittragen. Wenn ein neuer Bewohner auf dem Hartmannshof einzieht, dann können zusätzliche Aufgaben oder auch Probleme - je nach Grad der Behinderung - auf die Mitarbeiter zukommen.
Es wurde auch sehr intensiv der Lebenslauf eines Bewohners besprochen, zu dem die frühere Familie wieder Kontakt sucht. Die Schilderung, was der Bewohner in jungen Jahren erlebt hat, welche familiären Umstände es gegeben hat und in welchen Einrichtungen er in dieser Zeit aufgenommen wurde, hat mich tief bewegt. Da ich den Bewohner kennenlernen durfte, hat es mich doch sehr gewundert, wie er trotz dieser Umstände und Erlebnisse noch mit so viel Freude und Begeisterung am Leben teilnimmt. Dieser Blick hinter die Kulissen hat mir selber erst einmal gezeigt, wie viel Glück ich bisher im Leben hatte. Ich musste selber keine Vernachlässigung, keine Gewalt oder gar sexuellen Missbrauch erleben. Das hohe Interesse der Mitarbeiter an den Menschen auf dem Hartmannshof, an deren Entwicklung und persönlichem Wohlbefinden ist wirklich erstklassig.

2. Tag

Zu Beginn des Tages durfte ich mit einem Mitarbeiter vier ältere Bewohner zum Seniorentreffen bringen. Wir waren schon knapp dran und hätten fast einen Bewohner vergessen, da dieser "getrödelt" hat. Mit viel Humor ist der Mitarbeiter ausgestiegen und hat den Nachzügler dann doch noch ins Auto bekommen. Während der Autofahrt hatten wir viel Zeit zu reden. Der Mitarbeiter berichtete mir, dass er schon viele Jobs hatte (Inobhutnahme von Kindern, als Erzieher im Kindergarten u.v.m.). Bei seiner jetzigen Tätigkeit kann er es sich aber zum ersten Mal vorstellen, diese bis zur Rente zu machen. Es liegt an dem tollen harmonisches Team, daran, dass alle mit Spaß bei der Arbeit sind und vor allem über dem normalen Rahmen hinaus engagiert. Wäre das Engagement nicht so groß, dann könnte auf dem Hartmannshof nicht so viel bewegt und erreicht werden.
 
Anschließend habe ich im Hofcafe gearbeitet. Hier arbeiten Menschen ohne und mit Behinderung zusammen. Ich durfte zwei Kuchen backen, die dann später am Tag im Hofcafe auch verkauft wurden. Da einige Besucher zum Frühstück gekommen sind, habe ich noch den Abwasch übernommen. Hier hilft jeder jedem. Keiner ist sich für irgendeine Tätigkeit zu schade. Es wurde an diesem Tag eine neue Mitarbeiterin eingearbeitet, welche das Team beim Herstellen der Kuchen und Torten unterstützen soll. Corinna Bartels hat dann in Zusammenarbeit mit den verantwortlichen Mitarbeiterinnen für das Hofcafe die Rahmenbedingungen besprochen. Auch hier durfte jeder seine Meinung mit einbringen.

Da in nächster Zeit der Grill-/ Zeltplatz durch Schulen und andere Gruppen wieder genutzt wird, haben wir diesen entrümpelt und gesäubert. Es wurden alte Holzbretter etc. aussortiert.  

Es kam noch eine Mitarbeiterin, um mit Frau Bartels über die Einstufung eine Bewohners bzgl. des Hilfebedarfs zu sprechen. Hier konnte ich erleben, welch klares Bild die Mitarbeiter von den Bewohnern und deren Fähigkeiten und Fertigkeiten haben.
 
Auch am zweiten Tag bin ich "glücklich" nach Hause gefahren. Ich habe mit so vielen motivierten Bewohnern und Mitarbeitern den Tag gemeinsam verbringen dürfen. Arbeiten werden ohne Diskussionen und mit Begeisterung ausgeführt. Selten habe ich es bisher in meiner beruflichen Laufbahn erlebt, dass so eine gute Stimmung herrscht vom Arbeitsbeginn bis zum Arbeitsende => und jeder freut sich auf den nächsten Tag.

3. Tag

An diesem Tag hatte ich das Gefühl, schon richtig dazu zu gehören. Als ich zur Arbeit kam, mussten die Mitarbeiter des Frühdienstes außer Haus, u.a. wegen Arztterminen mit den Bewohnern. Schnell wurde die Verantwortung für das Telefon an mich übergeben - nach dem Motto "Du machst das schon, einfach aufschreiben"-.
Ich bin dann zur Aufgabeneinteilung für den landwirtschaftlichen Betrieb gegangen. Hier werden die verschiedenen Aufgaben an die anwesenden Bewohner verteilt. Neben dem Versorgen der Tiere war auch wieder das Pflanzen dabei. Da heute nicht so viele Bewohner anwesend waren, musste der ein oder andere auch mehrere Aufgaben übernehmen. Einer sollte dann mehrere Aufgaben übernehmen. Damit war er aber überfordert und hat lautstark reagiert. Hier gibt es dann aber sehr klare Rückmeldungen von den Mitarbeitern, denn das Verweigern einer Aufgabe kann grundsätzlich nicht geduldet werden. Hier konnte man erleben, wie auch Situationen, in denen eine Eskalation auftritt, gemeistert werden.
Da sich an diesem Vormittag u.a Arzttermine der Bewohner überschnitten haben, wurde ich gefragt, ob ich es mir zutraue, mit einen Bewohner zum Ohrenarzt zu gehen. Ich habe es sehr positiv empfunden, dass man gefragt wird, ob es für einen in Ordnung ist. Es könnte ja auch sein, dass man sich diese Aufgabe nicht zutraut und ein 'Nein' wäre auch akzeptiert worden. Ich habe aber die Begleitung von dem Bewohner sehr gerne übernommen. Nachüber einer Stunde waren wir dann endlich dran. Anschließend wollten wir noch gemeinsam einen Kaffee trinken, aber leider mussten wir aufgrund der langen Wartezeit beim Arzt wieder zum Hof zurück. Ich konnte feststellen, wie schwierig es ist, diese ganzen Termine bei den Ärzten zu organisieren und dann auch wahrzunehmen.  
Auf dem Hof angekommen, wurde dann wieder die Übergabe (Früh- zur Spätschicht) besprochen. Hier wird kurz festgehalten, was im Laufe des Tages passiert und worauf besonders zu achten ist. Wenn ein/e Bewohner/in aber zwischendurch das Gespräch sucht, dann wird sich dafür immer Zeit genommen.
Das WICHTIGSTE für die Mitarbeiter ist es, das sich alle wohl fühlen und alles gemeinsam angepackt wird! So wie auch verschiedene Veranstaltungen z.B. der Flohmarkt, der ganz nebenbei auch noch organisiert wird.
Ich ziehe wirklich meinen Hut vor den Leistungen der Mitarbeiter vom Hartmannshof.  Sie lassen die Bewohner das eigene Leben, sofern möglich, sehr selbständig meistern und fördern die Entwicklung, Sie schaffen einen Raum und eine Atmosphäre für ein positives und humorvolles Miteinander. Sie engagieren sich weit über ein normales Arbeitsverhältnis hinaus, da Ihnen das Wohl der Menschen und die Entwicklung des Hartmannshofes am Herzen liegen.


Vielen Dank für die eindrucksvollen 3 Tage auf dem Hartmannshof.


Martina Wurzel