Matthias Dittrich

Blickwechsel bei den Rotenburger Werken 9. - 11. Mai 2017

Es ist 11. 00 Uhr und ich sitze noch in meinem Büro mit der alltäglichen Routine (Telefonate, Kurzabstimmungen, Aktennotizen lesen usw.) Innerlich bin ich deutlich angespannter als an einem normalen Arbeitstag, bereits die Nacht war unruhig. Seit Tagen kreisen die Gedanken in meinem Kopf um die drei Tage „Blickwechsel“ bei den Rotenburger Werken. Ein Seitenwechsel/Blickwechsel ist mir nicht neu, da ich bereits in Berlin die Möglichkeit hatte den Berufsalltag mit einem Einblick in soziale Einrichtungen zu tauschen und sehr bleibende Eindrücke gewinnen konnte. Als Rotenburger gehören Kontakte zu Menschen mit Behinderungen zum Stadtbild und ich bin immer wieder begeistert, mit welcher Offenheit die Rotenburger Menschen mit und ohne Behinderung sich begegnen.  …und trotzdem frage ich mich, ob ich dieser Herausforderung gewachsen sein werde.

Meine ersten Instruktionen habe ich vom Gruppenleiter der Wohngruppe Phönix, Herrn S., bereits telefonisch erhalten. Ein sympathischer Kontakt, der mir ein wenig Sicherheit gegeben hat, da ich gespürt habe, dass er mich nicht als Belastung empfindet, sondern sich mit seinem Team auf mein Kommen freut. Eingeplant bin ich in der Wohngruppe Phönix-Förderangebote für Menschen mit erworbener Hirnschädigung.

Phönix – der wiedergeborene Vogel - ein wirklich trefflicher Name. In den Wohngruppen leben Menschen mit spät erworbener Hirnschädigung durch schwere Unfalle, Schlaganfall oder Herzinfarkt. Menschen, die ein selbstbestimmtes Leben vor dem Schicksalsschlag geführt haben und heute nur noch eingeschränkt oder auch sehr eingeschränkt die täglichen Dinge des Alltages verrichten können.

Ziel ist die Wiedereingliederung und –herstellung alter Kompetenzen, um die Aktivitäten des täglichen Lebens wieder in Eigenverantwortung und Kontrolle wahrzunehmen.

Es ist 14.30 Uhr – ich betrete pünktlich das Haus der Wohngruppe und werde bereits freundlich von Jörg S., meinem Ansprechpartner empfangen. Mein Puls rast und ich bin sehr aufgeregt. Viele Fragen kreisen in meinem Kopf. Wie werden mir die Bewohner begegnen? Wie spreche ich Sie an? Kann ich wirklich unterstützen?

Es ist noch ruhig in den Wohngruppen, da sich die Bewohner noch in den Tagesfördereinrichtungen und Werkstätten aufhalten. Jörg S. führt mich durch die Einrichtung und erklärt mir das Konzept des selbstbestimmten Lebens mit Beispielen aus den alltäglichen Dingen (Rasieren, Waschen, Essen, Begleitung außerhalb des Gebäudes). Nichts ist hier Routine und doch grüßt täglich das Murmeltier. Jörg. S. stellt sich teilweise mehrfach täglich den Bewohner vor. Er sagt, eigentlich ist er ein Fremder für viele Bewohner und das führt bei vielen Tätigkeiten schnell zu emotionalen Verletzungen. In den nächsten Tagen werde ich besser verstehen, was er damit gemeint hat.

Wir beginnen meinen Tag in der Wohngruppe 361. Hier begleite ich Menschen, die zwar eingeschränkt aber doch sehr selbständig die Aufgaben des täglichen Lebens erfüllen können. Schnell komme ich mit Ecki ins Gespräch. Nach seinem schweren Verkehrsunfall 1991 lebt er bereits seit vielen Jahren hier. In seinem Zimmer zeigt er mir Fotos von seinen früheren Leidenschaften Motorrad und Cockerspaniel-Züchtung, die Pokale zeugen von einigen Zuchterfolgen. Er erzählt von seinem gehörlosen Bruder und seiner Mutter in Soltau. Stolz führt er mir seine Motorradclubjacke vor. Traurigkeit steigt in mir auf - warum spielt das Schicksal Menschen so übel mit? Soziale Kontakte sind mittlerweile rar geworden, innerhalb der Wohngemeinschaft aber auch mit der bisherigen Umwelt. Später beim Verabschieden fragt mich Ecki noch, warum ich eigentlich hier bin. Ich bin verlegen, erzähle ihm aber von unserem Bankprojekt – er sagt nur lapidar, vielleicht bringt es Dir ja was!! Und ich kann jetzt schon sagen: Ja, das wird es! Ich verspreche ihm, dass wir eine gemeinsame Quadtour machen.  In weiteren Gesprächen erfahre ich noch die Geschichte von Marco, der mit 16 einen Motorradunfall hatte und seit 13 Jahren hier lebt. Ich lerne Michael kennen, der sein Essen im Schrank aufbewahrt und lerne viel über die täglichen Herausforderungen zwischen Betreuer und Bewohner. Sich auf Augenhöhe bewegen, keine Überheblichkeit, nicht verletzten, erstmal den Fehler bei sich als Betreuer suchen. Anhand zahlreicher Beispiele zeigt mir Jörg S. auf, was konkret damit gemeint ist. Jedes Beispiel brennt sich bei mir ein.
Den zweiten und dritten Tag verbringe ich in der Wohneinheit 363 und starte mit der Spätschicht von 15.00 bis 22.00 Uhr am zweiten Tag und der Frühschicht am dritten Tag ab 6.00 Uhr. Wir verteilen zuerst die Lebensmittellieferung im Kühlschrank und sortieren die Wäsche und Hygieneartikel. Ab ca. 16.00 Uhr treffen die Bewohner langsam aus den Werkstätten ein und nehmen dann ihr Abendessen ein.

Die Wohneinheit ist mit Personal chronisch unterbesetzt, viel Routine ist erforderlich, um die tägliche Pflege der Bewohner und die sonstige Unterstützung im engen Zeitkorridor sicherzustellen. Zeit, um sich mit den Bewohnern gemeinsam beim Essen an den Tisch zu setzen, ist nicht mehr vorhanden. Ich kann und darf mir die Zeit nehmen und erfahre viel von den Menschen über ihr Leben heute in den Rotenburger Werken und besonders über ihr „altes“ Leben. Über jeden Bewohner könnte ich hier weitere Geschichten aufschreiben, aber das sprengt den Rahmen eines kurzen Berichtes.

Ab 17.30 Uhr wird es hektischer, die Vorbereitungen zum „Schlafen gehen“ beginnen: Die Betreuer entscheiden jeden Tag erneut nach Einschätzung des Wohlbefindens der Bewohner, in welcher Reihenfolge geduscht und sonstige Dinge erledigt werden müssen. Ich begleite beim Toilettengang, beim Duschen, Zähneputzen, Umziehen usw.. Immer wieder erlebe ich beeindruckend, was gemeint ist, Unterstützung für ein selbstbestimmtes Leben zu geben, wenn Zähneputzen eine gewaltige Hürde darstellt oder selbständig die Kleidung für den nächsten Tag ausgewählt werden soll.

Am dritten Tag erlebe ich die abendlichen Abläufe nun rückwärts, nur das Zeitfenster ist noch enger getaktet, da feste Abfahrtszeiten für die Bustransfers zu den Werkstätten bestehen und ein Verpassen des Busses automatisch zu Überstunden beim Personal führen würde. Nach dem Frühstück verlassen die Bewohner die Wohngruppe, eine Gruppe von vier Bewohnern begleite ich noch zur Tageswerkstatt auf dem Kalandshof. Eigentlich ein sehr kurzer Weg, aber kein Bewohner würde ohne fremde Hilfe die Orientierung behalten. Jörg S. zeigt mir unterwegs viele Eindrücke zu den baulichen Herausforderungen der Wege und Straßen (Gefälle, kleinste Stufen oder Löcher im Asphalt sowie eine neugebaute Bushaltestelle mit zu enger Rampe für die Rollstühle- um nur einige Beispiele zu nennen). Als nicht behinderter Mensch nimmt man diese Details nur selten aufmerksam wahr. Beim Rückweg achte ich sehr aufmerksam auf diese Details – meine Wahrnehmung hat sich sofort verändert.

Es ist kurz nach 11.00 Uhr und Jörg S. führt mit mir das Abschlussgespräch.  Ich möchte mich für sein Engagement mit einer Kleinigkeit bei ihm und den Mitarbeitern bedanken, was er charmant ablehnt. Ihm war wichtig, mir diese Welt zu zeigen. Aber zumindest einen großen Obstkorb darf ich in den nächsten Wochen für die Bewohner vorbeibringen und ich freue mich schon auf ein Wiedersehen.

Rückblickend war dieser Blickwechsel eine persönlich sehr wertvolle Erfahrung, die mich mein Leben lang begleiten wird und wieder Mal schaue ich demütigt auf mein Leben und bin dankbar für jeden Tag Gesundheit, den Alles kann sich innerhalb einer Sekunde ändern. Die Bedeutung von materiellen Errungenschaften nimmt unter diesen Blickwinkel an Bedeutung ab und die Definition des Wortes 'Glück' sollte jeder durchaus für sich kritisch überdenken.
Mein ausdrücklicher Dank gilt den Rotenburger Werken namentlich Frau Wendland-Park und Herrn Tillner sowie im besonderem Herrn Jörg S..

Matthias Dittrich